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Familien- und Angehörigeninterventionen

Familien- und Angehörigeninterventionen sind Unterstützungsangebote für Menschen, die mit einer psychisch erkrankten Person in engem Kontakt stehen. Sie können sich an die gesamte Familie richten, aber auch gezielt nur an Eltern, Geschwister oder andere nahestehende Personen. Familienmitglieder und Angehörige spielen häufig eine wichtige Rolle bei der Bewältigung einer psychischen Erkrankung. Gleichzeitig erleben sie selbst oft große Veränderungen, Belastungen und Herausforderungen im Alltag. Familien- und Angehörigeninterventionen setzen genau hier an: Sie sollen entlasten, informieren und stärken.

Zentrale Bestandteile dieser Angebote sind verständliche Informationen über psychische Erkrankungen, Hinweise zum Umgang mit belastenden Situationen sowie praktische Strategien zur Bewältigung von Stress und Krisen. Darüber hinaus werden Kommunikations- und Problemlösefähigkeiten gestärkt und Angehörige darin unterstützt, Recovery-Prozesse zu fördern und eigene Ressourcen zu schützen. Familien- und Angehörigeninterventionen basieren häufig auf psychoedukativen Ansätzen, bei denen Wissen mit konkreten Handlungsmöglichkeiten verbunden wird. Zum Einsatz kommen dabei unterschiedliche Methoden, wie zum Beispiel Familienmanagement, verhaltenstherapeutische Ansätze oder Mehrfamilientherapien.

Hintergrund und Empfehlungen der Leitlinie

Kinder psychisch kranker Eltern

Kinder von psychisch kranken Eltern sind nicht nur besonderen Herausforderungen im Entwicklungsverlauf ausgesetzt, sondern haben darüber hinaus ein erhöhtes Risiko, selbst eine psychische Erkrankung zu entwickeln. In manchen Familien gelingt die Bewältigung der mit der Erkrankung einhergehenden Belastungen und Konflikte gut; in anderen Familien dagegen weniger gut. Nicht selten kommen weitere Belastungsfaktoren hinzu. Manchmal geraten Eltern auch an ihre Grenzen und fühlen sich in der Begleitung ihrer Kinder überfordert.

Man weiß, dass bestimmte Faktoren (Schutzfaktoren) dazu beitragen können, die es den Kindern und Familien ermöglichen, die besonderen Belastungen in Zusammenhang mit der Erkrankung gut zu bewältigen.

  • Kindebene: z.B. bestimmte Temperamentsmerkmale wie Flexibilität, Anpassungsvermögen an Veränderungen und eine überwiegend positive Stimmungslage, Fähigkeiten zur Wahrnehmung und zum Ausdruck von Gefühlen und gute Problemlösefähigkeiten
  • Familienebene: z.B. Beziehungsgestaltung und der Umgang mit der Erkrankung in der Familie, Erziehungsverhalten
  • Außerhalb der Familie: z.B. soziale Unterstützung durch andere Personen oder die soziale Einbindung in die Schule, Gemeinde, in Vereine oder die Kirche etc.

Welche Unterstützungsmöglichkeiten gibt es für betroffene Familien?

  • Informations-, Beratungs- und Therapieangebote für Kinder und Jugendliche, die gleichzeitig für die erkrankten Eltern und ggf. ihre Partner sowie weitere Angehörige zur Verfügung stehen (z.B. Familienberatungsstellen, Jugendamt, Gesundheitsamt)
  • Angebote für Kinder und Jugendliche (z.B. gemeinsame Freizeitaktivitäten, spezielle Kinderprojekte, Patenfamilien)
  • Unterstützende sowie entlastende Angebote für betroffene Familien (z.B. Erziehungsberatung, ambulante Erziehungshilfen, Wohngemeinschaften für psychisch kranke Eltern und ihre Kinder, stationäre Eltern-Kind-Behandlungen)
  • Anlaufstellen für Eltern in akuten Krisen (z.B. Sozialpsychiatrische Dienste)

 

 

Elterninterventionen

Elterninterventionen sind Unterstützungsangebote für Eltern mit schweren psychischen Erkrankungen. Sie zielen darauf ab, die elterliche Kompetenz zu stärken und Familien im Alltag zu entlasten. Gleichzeitig sollen Kinder und Jugendliche dabei unterstützt werden, besser mit der psychischen Erkrankung eines Elternteils umzugehen und eigene Ressourcen zu entwickeln.

Die Angebote sind familienorientiert und umfassen unter anderem Gespräche mit Eltern oder der gesamten Familie, Einzel- und Gruppengespräche für Kinder und Jugendliche sowie ergänzende Unterstützungsformen wie Freizeit- und Spielangebote, Patenschaften, Selbsthilfeansätze oder aufsuchende Hilfen.

Ein besonderer Ansatz ist die Unterstützte Elternschaft (Supported Parenting), die Eltern gezielt in ihrer Rolle stärkt und positive Eltern-Kind-Interaktionen fördert – durch emotionale, praktische und soziale Unterstützung. Die wissenschaftliche Studienlage ist bislang begrenzt. Die vorhandenen Untersuchungen zeigen jedoch, dass Elterninterventionen zu mehr Zufriedenheit und einem gesteigerten Wohlbefinden bei den Beteiligten beitragen können.

Können Elterninterventionen empfohlen werden?

Empfehlung der Leitlinie (Mittlere Empfehlungsstärke):
Eltern mit einer schweren psychischen Erkrankung sollte - flexibel an die individuellen Bedürfnisse angepasst – Unterstützung in der elterlichen Funktion mithilfe spezifischer Ansätze angeboten werden. 

Wo finden Elterninterventionen statt und wie erhält man Zugang?

  • Eltern- und Familieninterventionen werden häufig über ambulante Hilfen nach dem Fünften Sozialgesetzbuch (SGB V) finanziert, je nach Bedarf auch in Kombination mit weiteren Leistungsbereichen.

  • Die Unterstützungsangebote reichen von niedrigschwelligen Hilfen wie Krabbelgruppen oder Familienberatungsstellen über therapeutische Angebote, Schulbegleitung und Familienhilfen bis hin zu stationären Behandlungen oder betreuten Wohngruppen (SGB V und SGB VIII).

Geschwisterinterventionen

Spezifische Interventionen für Geschwister von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen sind bislang nur wenig erforscht. Die vorhandene Studienlage ist begrenzt, sodass derzeit keine verlässlichen Aussagen zur Wirksamkeit solcher Angebote möglich sind. In den wenigen untersuchten Interventionen standen vor allem psychoedukative Ansätze im Vordergrund, bei denen Geschwister Informationen über die Erkrankung und deren Auswirkungen erhielten.

Internationale Auswertungen zeigen jedoch, dass Geschwister psychisch erkrankter Menschen vielfältige Unterstützungsbedarfe haben. Dazu zählen insbesondere das Bedürfnis nach verständlichen Informationen zur Erkrankung, zu Symptomen, Verlauf und möglichen Ursachen, aber auch der Wunsch nach Austausch in Selbsthilfe- oder Geschwistergruppen. Darüber hinaus besteht häufig Bedarf an professioneller Unterstützung im Umgang mit eigenen psychosozialen Belastungen sowie mit herausfordernden Situationen wie psychotischen Symptomen, depressiven Phasen, aggressivem Verhalten oder suizidalen Krisen des erkrankten Geschwisters. Art und Ausmaß dieser Bedarfe werden stark von der individuellen Lebenssituation beeinflusst, etwa durch das Alter, die familiäre Rollenverteilung, frühere Beziehungsstrukturen und sich verändernde Familiendynamiken.

Angehörigeninterventionen

  • Begrenzte Studienlage: Die Wirksamkeit von Angehörigeninterventionen wurde bisher nur in wenigen und teils uneinheitlichen Studien untersucht. Die Ergebnisse sind nicht immer eindeutig, zeigen jedoch, dass die Einbeziehung von Angehörigen grundsätzlich sinnvoll sein kann.

  • Verschiedene Formen der Einbeziehung: Angehörige können auf unterschiedliche Weise unterstützt werden – zum Beispiel in Einzelgesprächen ohne die erkrankte Person, in gemeinsamen Familiengesprächen, in Mehrfamiliengruppen oder in psychoedukativen Angehörigengruppen. Diese Angebote können mit oder ohne parallele Gruppen für die Betroffenen selbst stattfinden.

 

Können Angehörigeninterventionen empfohlen werden?

Empfehlung der Leitlinie (Mittlere Empfehlungsstärke):
Angehörige (z.B. Eltern, Geschwister) und nahestehende Personen von schwer psychisch erkrankten Menschen können schwerwiegende und vielfältige Belastungen erfahren. Zugleich können sie eine wichtige Ressource sein und eine wesentliche stabilisierende Funktion haben.

Angehörige und nahestehende Personen sollten bei Bedarf Entlastung und Unterstützung erfahren, um das mit der Sorge um die erkrankte Person verbundene Belastungserleben zu reduzieren sowie die eigene Gesundheit und Lebensqualität zu stärken.

Adressen und weiterführende Links


© Universität Leipzig. Medizinische Fakultät Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP)