Psychoedukation & Trialog

Psychoedukation kommt aus dem englischen Sprachraum und ist eine Zusammensetzung aus den beiden Begriffen „psychotherapy“ und „education“, wobei das Wort „education“ in diesem Zusammenhang nicht „Erziehung“, sondern vielmehr Aufklärung, Wissensvermittlung und Bildung bedeutet. 

Unter Trialog werden Gesprächsforen verstanden, die auf eine gleichberechtigte Begegnung von Psychiatrie-Erfahrenen, Angehörigen und professionell Tätigen zielen. Eine Sonderform des Trialogs stellen Psychoseforen oder trialogische Seminare dar.

Hintergrund und Empfehlung der Leitlinie

Was bedeutet Psychoedukation?

Der Begriff Psychoedukation bezeichnet die Aufklärung von Patienten und Angehörigen über die Krankheit sowie deren Behandlungsmöglichkeiten. Ziel ist es, das Krankheitsverständnis und den selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung zu stärken und bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen. Struktur und Inhalte von Psychoedukation orientieren sich sehr stark an den eigenen Erfahrungen der Betroffenen.

Psychoedukation geht über eine einfache Informationsvermittlung hinaus und beinhaltet:

  1. Vermittlung von Hintergrundwissen (z.B. zu Krankheitskonzept, Krankheitszeichen, Verlauf und therapeutischen Möglichkeiten)
  2. Vermittlung von praktischem Handlungswissen (z.B. zu Frühwarnzeichen für Rückfälle, Rückfallvorbeugung und Notfallplänen)
  3. Schaffung eines Raums zur emotionalen Entlastung der Betroffenen und ihrer Angehörigen

Empfehlung der Leitlinie (Expertenkonsens):
Jeder Betroffene mit einer schweren psychischen Erkrankung hat über die gesetzliche Aufklärungspflicht der Behandelnden hinaus ein Recht darauf, situationsgerechte Informationen zu seiner Erkrankung, deren Ursachen, Verlauf und den verschiedenen Behandlungsalternativen sowie (Selbst-)Hilfemöglichkeiten über den gesamten Behandlungsverlauf vermittelt zu bekommen. Die Informiertheit des Patienten ist Grundlage gemeinsamer Entscheidungsfindung und Voraussetzung gesundungsfördernden Verhaltens. Menschen mit Migrationshintergrund sollten diese Informationen unter Berücksichtigung des kulturellen und sprachlichen Hintergrunds erhalten können.

Kann Psychoedukation empfohlen werden?

  • Die Wirksamkeit von Psychoedukation in der Behandlung von Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ist in zahlreichen Studien nachgewiesen. 
    • Dabei steht vor allem der direkte Kontakt zwischen Betroffenen und Behandlern und die Wissensvermittlung im Fokus. In der Mehrheit der Studien wurden auch Angehörige einbezogen.
    • Auch komplexe Familieninterventionen, die neben dem Aspekt der Wissenserweiterung auf eine Unterstützung der gesamten Familie zielen, wurden in die Studien einbezogen.
  • Die Wirksamkeit von Psychedukation erhöht sich durch den Einbezug der Angehörigen, den gegenseitigen Austausch im Gruppenformat und eine längere Interventionsdauer über mehrere Sitzungen. 

Empfehlung der Leitlinie (Starke Empfehlungsstärke):
Es wird empfohlen, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen zur Verbesserung des Behandlungsergebnisses und Krankheitsverlaufs eine strukturierte Psychoedukation ausreichend lange und möglichst in Gruppen angeboten werden soll. Angehörige sollen in die psychoedukative Intervention einbezogen werden.

Wo findet Psychoedukation statt und wie erhält man Zugang?

  • Psychoedukation kann grundsätzlich in allen Behandlungszusammenhängen stattfinden:
    • ambulant (v.a. in Institutsambulanzen, Polikliniken oder im Rahmen der Integrierten Versorgung)
    • teilstationär
    • vollstationär oder
    • in Rehabilitationseinrichtungen. 
  • Psychoedukation findet mit einzelnen Personen, mit Familien oder in Gruppen statt. Hierbei gibt es separate Patienten- und separate Angehörigengruppen sowie gemischte Gruppen mit Patienten und Angehörigen. Der Einbezug von Angehörigen (Eltern, Partner, Geschwister, Kinder) sollte nach Möglichkeit das Einverständnis des Patienten voraussetzen.
  • Die Gruppensitzungen für Patienten werden i. d. R. wöchentlich durchgeführt, die für die Angehörigen finden in größeren Abständen statt. Angeleitet werden die Gruppen häufig von psychiatrisch tätigen Ärzten, Psychologischen Psychotherapeuten und anderen Behandlern. 
  • Regionale Angebote können Sie bei Ihrem behandelnden Arzt, der Krankenkasse oder bei Selbsthilfeverbänden von Betroffenen und Angehörigen erfragen. 

Das trialogische Forum oder Psychoseseminar als Alternative zur Psychoedukation?

Im Trialog werden die verschiedenen Kompetenzen von

  1. Psychiatrie-Erfahrenen (Experten in eigener Sache),
  2. Angehörigen (wichtige Funktion bei Alltagsbewältigung und Rückfallverhütung) und
  3. professionell Tätigen (therapeutische Know-how) gebündelt.
  • Spezielle Formen des Trialogs sind Psychoseforen oder trialogische Seminare, welche ein besseres, ganzheitliches Verständnis für die Erkrankung bewirken und damit auch die Arbeit der Psychiatrie verändern können. Es geht dabei um eine wechselseitige Fortbildung, den gegenseitigen Abbau von Vorurteilen, den Respekt vor individuellen Krankheitskonzepten und Sichtweisen sowie das Bemühen um eine gemeinsame Sprache. Trialogisches Handeln stärkt die Selbstbefähigung (Empowerment) und die Zuversicht der Betroffenen.
  • Psychoedukative Gruppen und Psychose-Seminare stellen keinen Widerspruch und keinen Gegensatz dar.
  • In Deutschland gibt es mittlerweile über 100 Psychoseseminare und Trialogforen in verschiedenen Städten.

Empfehlung der Leitlinie (Expertenkonsens):
Informationsvermittlung und -austausch mit dem Ziel der Förderung der Krankheitsverarbeitung und Verbesserung des Krankheitsverlaufs kann auch im Rahmen von Trialogforen und Psychoseseminaren angeboten werden.

Statement der Leitlinie
Im Rahmen der Informationsvermittlung, aber für die Beziehungsgestaltung im gesamten Hilfesystem ist die trialogische Zusammenarbeit zwischen Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen besonders wichtig. Sie ist eine wesentliche Voraussetzung für eine offene, vertrauensvolle und erfolgreiche Kooperation aller Beteiligten, auf deren Basis gemeinsame Interessen und Behandlungsziele verfolgt werden können. Ergebnisse der trialogischen Zusammenarbeit beschränken sich nicht nur auf die individuelle Therapiebeziehung, sondern haben Auswirkungen auf die angemessene Darstellung der Interessen der Patienten und Angehörigen in der Öffentlichkeit und Politik, auf die Qualitätsförderung und auf die Fortentwicklung der Versorgungsstrukturen. Das sogenannte Psychoseseminar, trialogische Seminare oder Trialogforen sind dafür ein gutes Übungsfeld.

Adressen und weiterführende Links


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