Psychosoziale Therapien in der Psychiatrie

Auf gesundheitspolitischer Ebene wird seit vielen Jahren um eine angemessene Mindestpersonalausstattung in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken gerungen. Damit sollen Missstände, die eine leitliniengerechte Versorgung erschweren, behoben und ethische, rechtliche und medizinische Qualitätsstandards in der Patientenversorgung sichergestellt werden. Eine angemessene Personalausstattung ist auch Grundlage für geregelte Arbeitsbedingungen und ein menschenwürdiges Arbeitsklima in der Psychiatrie. Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) setzt sich seit Jahren intensiv für eine ausreichende Personalausstattung in der stationären Psychiatrie ein. Mit zahlreichen Fachverbänden wurde ein Modell entwickelt, das als Richtschnur für die Weiterentwicklung dienen soll.

Der Gesetzgeber hat den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) nach § 136a (2) SGB V beauftragt, verbindliche Mindestvorgaben für das für die Behandlung erforderliche therapeutische Personal in stationären psychiatrischen und psychosomatischen Einrichtungen festzulegen. Dies hat die Fachgesellschaften/-verbände veranlasst, eigene konzeptionelle Überlegungen zur zukünftigen Gestaltung der Personalbemessung zu entwickeln.

Ausgangspunkt für die Berechnung der Personalausstattung sind die Bedarfe aller in der Einrichtung behandelten Patienten. Der Behandlungsbedarf hat drei Dimensionen:

  1. psychiatrisch-psychotherapeutischen/psychosomatisch psychotherapeutischen/kinder- und jugendpsychiatrischen-psychotherapeutischen Bedarf (bspw. Setting bei Regel- und Komplexbehandlung): Diagnostik und Behandlungstätigkeiten sowie Versorgungsleistungen, die durch die psychische bzw. psychosomatische Symptomatik (beispielsweise depressive Symptome, psychotische Symptome, Suizidalität, Somatisierung, persönlichkeitsstrukturelle Störungen, kognitive Einschränkungen) verursacht werden,
  2. somatischen Bedarf (somatische Diagnostik, somatische Behandlung, Aufwand durch die körperbezogene Versorgung) und
  3. psychosozialen Bedarf (Interventionen, die für die Klärung und Lösung sozialer Probleme (Wohnen, Finanzen, Arbeit, Familie, Schule etc.) und für die soziale Integration und Teilhabe nach der Entlassung und für den Einbezug des Umfeldes des Patienten erforderlich sind.

Erste Ergebnisse wurden Anfang 2019 in der Fachzeitschrift „Der Nervenarzt“ veröffentlicht. Einen anschaulichen Einstieg ins Thema bietet das Erklärvideo der DGPPN. Das entwickelte Modell unterscheidet Personalbedarfe, die in direktem Bezug zur Behandlung des einzelnen Patienten stehen, von solchen die durch das Behandlungssetting verursacht werden und solchen, die sich auf institutioneller Ebene ergeben. Unter Mindestpersonalbedarf ist das Personaltableau zu verstehen, welches u. a. benötigt wird, um (a) die multiprofessionelle, ärztlich geleitete Behandlung und die erforderlichen Versorgungsleistungen aller Patienten sicherzustellen, die von den verfügbaren Leitlinien oder von einem Expertenkonsens vorgegeben wird, sowie (b) den Schutz des Patienten selbst, der Mitpatienten und der Mitarbeitenden der Einrichtung vor Gefährdungen zu sichern. Das Modell berücksichtigt den medizinischen Fortschritt, im Sinne der evidenzbasierten Leitlinien, der veränderten Versorgungspraxis inklusive gesellschaftspolitischer Normen, die auf die Selbstbestimmung der Patienten ausgerichtet ist. Explizit aufgestellt werden hierbei auch psychosoziale Therapien, die in der Behandlung, insbesondere schwer und chronisch psychisch kranker Menschen einen hohen Stellenwert besitzen.  


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